Die Wachstumskrise der Weltwirtschaft
Die moderne Gesellschaft, die mit der Industrialisierung ab etwa 1770 ihren Siegeszug angetreten hat, beruht auf einer Wirtschaft, die auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist. Dieses Wachstum hat den Menschen einen nie gekannten Wohlstand und nie gekannte Freiheiten gebracht, doch seine Folgen bedrohen heute die Existenzgrundlagen der modernen Gesellschaft, ja der Menschheit überhaupt.
Seit dem Anfang der 1970er Jahre erschienenen Buch “Die Grenzen des Wachstums” werden die Folgen ungebremsten Wirtschaftswachstums weltweit diskutiert. Anfangs wurden dabei viele der noch unpräzisen Aussagen der Wachstumskritiker überhaupt bestritten. Oft wurde jedoch einfach darauf gesetzt, dass die technologische Entwicklung die Probleme mehr oder weniger von selbst lösen werde. Immerhin schufen die politisch Verantwortlichen die institutionellen Voraussetzungen für eine Umweltpolitik, die eine Reihe von Umweltproblemen auch zu lösen oder zu entschärfen vermochte. Umweltpolitik wurde allerdings immer nur als zusätzliche Aufgabe verstanden, die die Ziele traditioneller Wirtschaftspolitik nicht in Frage stellen, sondern nur ergänzen sollte. Im Konflikt mit den Zielen der Wirtschaftspolitik geriet sie dabei sehr oft ins Hintertreffen. Inzwischen wissen wir, dass die globalen wirtschaftlichen Aktivitäten die Grenzen der Nachhaltigkeit in vielen Bereichen längst überschritten haben, doch die Weltwirtschaft wie auch die Weltbevölkerung wachsen weiterhin stark an. Bereits das derzeitige Niveau des Ausstoßes an Treibhausgasen droht das Klima innerhalb eines kurzen Zeithorizonts auf gefährliche Weise zu verändern. Auch die Rate des Verlusts an Biodiversität, sowie das Maß, in dem vor allem durch die Herstellung von Düngemitteln in den Stickstoffkreislauf der Erde eingegriffen wird, haben die Grenzen bereits überschritten, innerhalb derer noch nicht mit einer bedrohlichen Veränderung der Umweltbedingungen zu rechnen ist. Bei der Nutzung von Frischwasser und Land, bei der Übersäuerung der Ozeane und der Einwirkung auf den Phosphorzyklus wird die Menschheit die Grenzen der Nachhaltigkeit auf globaler Ebene schon sehr bald überschreiten (vgl.: Johan Rockström u. a.: A safe operating space for humanity, Nature, Sept. 2009). Fasst man die Dimension der Probleme ins Auge, wird klar, dass eine Umweltpolitik, die die Entwicklung der Wirtschaft nur am Rande begleitet, nicht ausreichen kann. Die Wirtschaft muss vielmehr einer an naturwissenschaftlich abgeleiteten Zielen orientierten Steuerung unterworfen werden. Die Menschheit steht heute vor der großen Aufgabe, eine solche Steuerung politisch durchzusetzen und institutionell auf einer globalen Ebene zu etablieren.
Nach wie vor ist das Ausmaß an Verleugnung und Verdrängung der Umweltprobleme erschreckend groß. Entscheidender jedoch ist vielleicht noch, dass die Bereitschaft, ambitionierten umweltpolitischen Zielsetzungen politisch zuzustimmen, nicht in ausreichendem Maße gesteigert werden kann, solange sehr viele Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlage sehr unzufrieden sind oder diese als bedroht ansehen. Solange Umweltpolitik als Luxus erscheint, als Ablenkung von unmittelbar drängenden wirtschaftlichen Problemen, ja gar als wirtschaftlich schädlich dargestellt werden kann, wird die Neigung groß bleiben, ihr nur eine nachrangige politische Bedeutung zuzuweisen. Wer weitreichende umweltpolitische Ziele erreichen will, muss daher auch auf wirtschaftliche Fragen überzeugende Antworten bieten. Hier aber zeigen Ansätze, die eine pauschale Kritik am Wirtschaftswachstum üben, gravierende Schwächen. Ein aussichtsreicher Ansatz, die ökologischen Grenzen des Wachstums ins Zentrum der Politik zu stellen, muss auch eine tragfähige Antwort auf die ökonomische Wachstumskrise beinhalten, mit der die Weltwirtschaft heute konfrontiert ist.
Eine gesellschaftliche Antwort auf die Wachstumskrise muss unvermeidlich viele Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, die sich in einer Phase gut 200 Jahre anhaltender wirtschaftlicher Expansion herausgebildet haben. Dies betrifft die Steuerung der Märkte wie die Konsummöglichkeiten der Individuen. Davon ist das Verhältnis von Staat und Markt berührt, die Verteilung der wirtschaftlichen Erträge und auch die Vorstellungen von individueller Freiheit, die in unserer Gesellschaft eine solch herausragende Bedeutung hat. Dass sich auch der Staat weitreichend verändern müsste, um einer stark erweiterten Verantwortung für die Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung überhaupt gerecht werden zu können, liegt auf der Hand. Eine den Herausforderungen der Zukunft angemessene Politik ist nur möglich bei verstärkter Orientierung an Wissenschaft, statt an Kompromissen, die zwischen organisierten Interessen ausgehandelt werden. Tiefgreifende Veränderungen von Einstellungen und Institutionen sind erforderlich. Dies alles wird nur erreichbar sein auf Grundlage einer großen öffentlichen Debatte, die die ökologischen und ökonomischen Herausforderungen der Zukunft ins Zentrum stellt und miteinander verbindet. Dazu will diese Website einen Beitrag leisten.
Rudolf Witzke
